Mein Madeira-Tagebuch V: Silence is easy …

… it just becomes me.

(Starsailor: „Silence Is Easy“ auf „Silence Is Easy“)

Ich warte auf den Abflug und bin ein bisschen traurig, dass es vorbei ist.

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Neben mir sitzt ein Herr, der auf mein Display schielt. Merke ich doch genau, ertappt! Aber lies ruhig mit, guter Mann. Vermutlich fragst du dich, warum die junge Frau „ein bisschen traurig“ ist.

Weil mein Urlaub vorbei ist. Mein kleines Abenteuer mit dem allmorgendlichen pinken Brot.

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„Bist du vereinsamt?“, fragte mich eine Freundin, mit der ich am letztem Tag beim Frühstück chattete.
Nö, irgendwie nicht. Alleine ist eben nicht gleich einsam.

Lustigerweise bin ich sogar immer zusammengezuckt, wenn beim Essen jemand an meinem Tisch vorbeiging und sein Tempo gefährlich verlangsamte. „Bitte frag jetzt nicht, warum ich alleine hier sitze und ob ich mich zu dir setzen will“, betete ich dann in mich hinein. Zum Glück ist es nicht passiert.

Vielleicht strahlt man aus, dass man seine Ruhe will, wenn man seine Ruhe will. Mit seinem Eis :)

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Einmal musste ich aber sehr laut lachen und vermutlich hielten mich die Senioren ab da für komplett verrückt. Ein Mann am Nebentisch (ein Landsmann, wie mir dünkt) versuchte mehrsprachig eine Flasche Wein zu bestellen: „Oa Flaschn. Won Flosch!“ Sorry, aber das wird in die Annalen meines Daseins eingehen.

Ja und wie war sie denn nun, diese „June Gloom reist allein“-Urlaubswoche?
Sie war einfach wunderbar. Als hätte ich einmal die ganze Luft rausgelassen und die Meeresbrise den Rest erledigen lassen.

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Highlights?
Viele! Die Lesestunden auf den Sonnenterrassen am Meer, die Delfin-Tour, die Busfahrt im goldenen Abendlicht, das Laufen mit Meerblick und meine abenteuerliche Inselumrundung. Ich bin so froh, dass ich nach Madeira gekommen bin.

Lowlights?
Jammern auf hohem Niveau – so muss man das wohl nennen – die Monte-Fahrt.

Fazit?
Immer wieder gerne! Auch wenn diese sieben Tage eine Anfänger- bzw. Luxusversion von „alleine verreisen“ waren.

Schließlich genoss ich ein Hotel auf einer ziemlich weit entwickelten Insel. Und ich hatte uneingeschränktes Internet samt allerlei Gerätschaft dafür, so dass ich immer mit euch kommunizieren und im Netz surfen konnte, wenn mir danach war. Allerdings verlief das auffallend entspannt. Ich habe geschrieben, was und wann ich wollte und gelesen, worauf ich Lust hatte. Nicht mehr.

So ne Backpacker-Tour durch Thailand – Hitze, schweres Gepäck auf dem Rücken, Ungeziefer, eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten, keine feste Bleibe usw. – ist mit meiner Reise nicht vergleichbar. Mal sehen, ob ich mich da auch irgendwann ranwage (keine Angst, Mama, ist noch nix geplant).

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So, und nun flitze ich über die Feiertage ins nächste Hotel (Hotel Mama, 5 Sterne) und teste meine Sozialkompetenz. Ich freue mich darauf, mit meinen/meinem Lieben/Liebsten abzuhängen, won or tu Floschs zu leeren und Ostern zu genießen.

Ich hoffe, mein Madeira-Tagebuch hat euch gefallen!

Mein Madeira-Tagebuch IV: In steep cliffs with rocks all piled up …

… mysteries of your passing luck.
Ages past shells and bits of bone forming new limestone
To give things their turn.

(Rilo Kiley: „Spectacular Views“ auf „Take Offs And Landings“)

Vor einem Jahr wäre ich niemals auf die Idee gekommen, mir ganz allein ein Auto zu mieten und damit an einem Tag eine komplette Insel zu umrunden. Ich wäre viel zu schissrig gewesen und hätte nicht so recht gewusst, was ich mit mir allein anfangen soll.

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Jetzt hab ich’s einfach gemacht. Ohne lange zu überlegen. Ich hatte mein Auto, als Beifahrer dienten Landkarte, Handy, Sonnencreme, Kaugummis und die Abenteuerlust und schon waren wir on the road.

Mein Ziel war, einmal um die komplette Insel zu fahren, um Madeira von allen Seiten zu sehen – und zwar mit meinen Augen und nicht mit denen, die in Reiseführer glotzen, oder diese geschrieben haben.

Dazu hab ich mir Etappenziele auf der Strecke gesetzt. Orte, die ich sehen wollte, Naturspektakel, die ich erleben wollte, Plätze, die sich interessant anhörten.

Kleine Bastelanleitung für ein Navi, wenn ihr wie ich keins im Auto habt:
– Offline-Karte bei Google Maps runterladen (sonst explodiert euer Datenvolumen)
– iPhone im Auto über USB anschließen, damit der Akku hält
– rechten Oberschenkel eincremen, damit das iPhone schön dran pappen bleibt
– Ziel eingeben, iPhone positionieren, los geht’s

1. Stopp: Das Museu da Baleia in Caniçal
Musste natürlich sein. Ist leider nicht sooo spektakulär, aber gut, war klar, dass sie da keine lebenden Wale vorführen.
Wer noch nix über den Walfang vor Madeira weiß (da bin ich halt leider echt fit drin), sollte es aber besuchen.

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2. Stopp: Cabo Sao Lorenço, die Landzunge ganz im Osten
Dort kann man alles abwandern – oder wie ich (bekennender Nicht-Wanderfan, „Madeira? Cool, da kannst voll gut wandern“ – „Äh ja“) mit dem Auto hinfahren und an den besten Fleckchen aussteigen. So zum Beispiel hier:

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(Mein total begeisterter Gesichtsausdruck gebührt den Wahnsinnigen, die meinten, sie müssten unbedingt im Hintergrund auf den Klippen rumklettern.)

An dieser schmalen Stelle kann man auch Nord- und Südküste von Madeira gleichzeitig sehen:

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3. Stopp: Porto da Cruz, eine kleine Küstenstadt mit faszinierendem Strand
Ich glaube, ich stand zehn Minuten regungslos da und habe nur auf die Wellen gestarrt. Ein magischer Ort! Hätte nur noch Nicolas Cage gefehlt :)

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4. Stopp: Santana, hat mir einfach so gefallen

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5. Stopp: São Jorge, tolle Aussicht
Dort aß ich in einem kleinen Dorf Kuchen, als Brüssel passierte. Ich hätte kotzen können.

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Prompt passte sich das Wetter an, Regen.

6. Stopp: São Vicente, Wasserfall Véu da Noiva (Brautschleier)

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7. Stopp: Seixal, top Tunnel habense da … Feststellung: Wenn niemand neben einem sitzt, dem man seine Angst mitteilen kann, dann gibt es einfach gar keine Angst. Das ist mit vielen komischen Befürchtungen so, auch im echten Leben außerhalb von maroden Tunnels. Wenn man sie nicht thematisieren kann, fallen sie gar nicht mehr ins Gewicht.

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8. Stopp: Porto Moniz, essen, trinken, Beine vertreten, langsam merkte ich den Bleifuß.

Die Fahrt an der Westküste entlang nach Süden war die spannendste. Nadelöhrenge Serpentinen mit 30 Grad Steigung war ich ja schon gewohnt. Nächstes Level: das Ganze im dicken Nebel, so dass ich keine zehn Meter mehr sehen konnte. Im Radio nur noch Rauschen als geschmackvolle Untermalung der düsteren Szenerie, Gegenverkehr von unabschätzbarer Breite (keine Angst, die Vollkasko blieb unangetastet) …

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Zwischen diesen langen, anstrengenden Wegen lagen winzige Dörfer, bestehend aus halb zerfallenen Häuschen – darunter ein schmuddeliger Laden von acht Quadratmetern Fläche, vollgestopft bis an die schimmlige Decke, der schwarze Bananen und alte Chips mit Ronaldo-Konterfei feilbot. Ein gespenstisches Stück Wegstrecke. Aber ein genauso eindrucksvolles wie die vielen davor, die mich mit Sonne, Wasser, Wind und Klippen aus den Latschen hauten.

9. Stopp: Ponta do Pargo, zurück in der Zivilisation. Kurzer Stopp: Durchatmen. Crazy. Alles.

10. Stopp: Funchal, kennt ihr ja schon.

11. Stopp: Dahoam, Hotelbar, Rotwein!

Nach dem Essen fiel ich bleischwer ins Bett. Der Bleifuß hatte sich auf meinen ganzen Körper ausgeweitet und mich schließlich erschlagen. Als wollte er sagen: „Gloom, du musst es auch immer übertreiben! Jetzt pennst erst mal, gebloggt wird morgen.“

… jetzt, wo ich diesen Eintrag schreibe, realisiere ich erst, was ich da in acht Stunden alles erlebt habe.
Diese Erfahrung war so toll, tollkühn und auch ein bisschen wahnsinnig. Da tanzen die Synapsen Samba, die diese Bilder ins Fotoalbum meines Lebensalbums namens „Unvergesslich“ kleben dürfen.